Geschichte

Die "Griechen Amerikas"

Wir schreiben das Jahr 900 nach Christus. Guatemala ist das Kernland einer Hochkultur - das Kernland der Maya. Um diese Zeit entstehen große und bedeutende Maya-Städte. Spektakulär und berühmt sind die baulichen Überreste der Tempelanlagen von Tikal. Im Petén ragen sie aus dem dichten Regenwald hervor. Schon um 3500 v. Chr. wurde im heutigen Guatemala Ackerbau betrieben. Ab 5500 v. Chr. lebten verschiedene Volksstämme, die aus Nordamerika Richtung Süden wanderten, zwischen Pazifik und Karibischem Meer. Die erste Blüte erreichte die Kultur allerdings mit den Maya. Sie besaßen ein hochentwickeltes Schriftsystem, kannten sich in Mathematik und Astronomie aus und entwickelten einen eigenen Kalender. Wegen dieser Kenntnisse und Fertigkeiten wird das Maya-Volk mit Griechenland verglichen - man nennt die Maya die "Griechen Amerikas". Noch heute sind viele der Nachfahren der Maya, die Indigenas, in der Mayakultur stark verwurzelt. Christliche Rituale aus der späteren Zeit werden mit denen der Mayas verquickt, besonders in der Karwoche entstehen so farbenprächtige Zeugnisse des Glaubens.

Im Griff der Spanier - die Conquista

1524 erobert Pedro de Alvarado das Gebiet des heutigen Guatemalas für Spanien. Unter den Bewohnern richtet er ein riesiges Blutbad an. Die Menschen sind außerdem der Zwangsarbeit und den aus Europa eingeschleppten Seuchen wie Cholera, Typhus und Pocken hilflos ausgeliefert. Von etwa 25 Millionen Guatemalteken bei der Ankunft der Spanier leben 80 Jahre später nur noch 1 Million - einer der ersten Völkermorde in der "Neuen Welt". Drei Jahre später wird die Hauptstadt, das heutige Antigua, gegründet. Guatemala wird Teil des Vize-Königreichs Neu-Spanien. Die Indigenas werden unterdrückt. Mit der Aufklärung in Europa, Napoleons Einfall in Spanien und der Abdankung des spanischen Kaisers Karl IV. herrschen instabile Zustände im Spanien im "Alten Europa". Gelegenheit für die spanischen Kolonien, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Der Aufstand der Guatemalteken wird 1820 zunächst blutig niedergeschlagen. Ein Jahr später erklärt Guatemala seine Unabhängigkeit von Spanien und schließt sich dem neuen Kaiserreich Mexiko an. Nach einem Intermezzo in der Zentralamerikanischen Konföderation wird Guatemala 1839 souverän. Hauptstadt ist seitdem Guatemala-Stadt im zentralen Hochland.

Diktaturen und imperiale Interessen

Immer wieder schwingen sich seit der Unabhängigkeit Diktatoren zu den Herrschern des Landes auf. 1954 unterstützt der amerikanische Geheimdienst CIA den Sturz der sozialreformerischen Regierung Arbenz. Die Söldnerinvasion verhindert so auch die angestrebte Landreform, die gegen die Interessen der USA - insbesondere der United Fruit Company (UFCo) läuft. Die UFCo - von den Guatemalteken auch "El Pulpo" - "Die Krake" genannt - ist nicht nur eine riesige Obsthandelsfirma, sondern kontrolliert zudem einen Großteil der guatemaltekischen Exportwirtschaft und ist somit Zielscheibe des Hasses gegen die offenen imperialistischen Bestrebungen der USA.

Verbrannte Erde im fast endlosen Krieg
Bis 1985 regieren nahezu ausschließlich Militärs das Land. Etwa ab 1962 gibt es vermehrt Aktivitäten linksgerichteter Guerillabewegungen. Ebenso wie andere Oppositionsgruppen werden sie von der Regierung bekämpft. Die Guerilla wird von der indigenen Landbevölkerung unterstützt. Für die Regierungstruppen Anlass genug, Dörfer vollständig niederzubrennen und die Einwohner zu ermorden. Die Folgen dieser als "Politik der verbrannten Erde" bezeichneten Verbrechen sind heute noch in Guatemala spürbar. Seit 1986 gibt es in Guatemala demokratisch gewählte zivile Regierungen, die mit den Guerillas Verhandlungen über einen Friedensschluss führen.
Endlich Frieden? Hoffnung kommt auf

1996 ist es schließlich soweit: Vertreter beider Seiten unterzeichnen den "Paz Firme y Duradera", den Vertrag über "starken und dauerhaften Frieden". Bis dahin sind in 35 Jahren Krieg Tausende Menschen ums Leben gekommen. Das Schicksal vieler ist bis heute nicht aufgeklärt. Viele Teile des Friedensabkommen warten heute immer noch auf Umsetzung. Nach wie vor werden die Indigenas stark benachteiligt, während das Militär, die politische Führung und die wirtschaftliche Elite Geld und Macht auf sich vereinen.

 

Demografie/Geografie

Ein Land mit tausend Gesichtern

In Guatemala hat die Medaille immer zwei Seiten. Atemberaubende Naturschönheiten stehen im krassen Gegensatz zu ausgedehnten Elendsquartieren, der Reichtum weniger im Gegensatz zur Armut vieler. Knapp 13 Millionen Menschen bevölkern das südlich von Mexiko gelegene Land, das mit knapp 109 000 Quadratkilometern in etwas so groß wie Bayern und Baden-Württemberg ist.

Die westliche Grenze des Landes bildet der Pazifik, im Osten grenzt Guatemala an das Karibische Meer und Belize. Nördliches Nachbarland ist Mexiko, im Südosten schließen sich Honduras und El Salvador an. Im Norden Landes in der Urwaldregion des Petén verbergen sich Überreste der Maya-Kultur wie die Tempelanlagen von Tikal.

Gebirge prägen den größten Teil Guatemalas. Sie ziehen sich vom der pazifischen Ozean über das warmgemäßigte Hochland zu tropischen Gebieten im Südosten. Am dunklen Abendhimmel ist ab und an der rote Atem der Vulkane zu erkennen. Drei von 33 sind heute noch aktiv. Nicht dazu gehört der Tajumulco, der mit 4220 Metern der höchste Vulkan Zentralamerikas ist.

Der wahre Schatz Guatemalas: Seine Menschen

Etwa 105 Einwohner leben in Guatemala auf einem Quadratkilometer, in Deutschland sind es 230. Das Bevölkerungswachstum liegt bei etwa 2,6 Prozent pro Jahr, Deutschland kommt gerade einmal auf 0,3 Prozent. 60 Prozent der Einwohner sind Indigenas, Nachfahren der Maya, die vor 4600 Jahren das Land besiedelten und nicht nur durch faszinierende Tempelanlagen Spuren hinterlassen haben. 22 verschiedene Maya-Sprachen sind eine Herausforderung an die alltägliche Kommunikation. Bis heute beherrscht die Hälfte der Bevölkerung nicht die offizielle Landessprache Spanisch. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung des kleinen zentralamerikanischen Staates machen die Ladinos aus, die sowohl spanische als auch indianische Vorfahren haben und die meisten Führungspositionen einnehmen.

Probleme in vielen Bereichen

Die Analphabetenrate ist rückläufig, liegt aber immer noch bei etwa 27 Prozent. Indikator für den Entwicklungsgrad des Landes sind auch die hohen Geburtenzahlen. Die durchschnittliche Familie bringt es auf 4,6 Kinder. Die Kindersterblichkeit liegt bei 4,6 Prozent, damit ist sie zehn Mal höher als in Deutschland. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung lässt nach wie vor zu Wünschen übrig. Ein Arzt muss im Durchschnitt 1280 Menschen betreuen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 300.

 

Politik/Wirtschaft

Politik

Endlich Frieden!?

Ein historischer Tag für Guatemala: Als am 29.12.1996 das Friedensabkommen einen Strich unter den jahrzehntelangen Bürgerkrieg setzte, waren die Hoffnungen groß. Hoffnungen auf ein neues Guatemala mit einer für Sicherheit, Gerechtigkeit und wirtschaftliches Wachstum arbeitenden Demokratie.

Doch von dieser Hoffnung spürt man im heutigen Guatemala nicht mehr viel. Die Befugnisse von Militär, Geheimdienst und Präsidialamt sind noch immer erheblich, die der Zivilgesellschaft und insbesondere die der Indigenas sind immer noch gering. Wirtschaftliches Missmanagement, Korruption, nicht eingelöste Wahlversprechen und eine explosionsartige Zunahme der Gewalt, die schleppende Aufarbeitung der Menschenrechtverletzungen und nur teilweise erfolgte Umsetzung des Friedensabkommens von 1996 kennzeichnen die Lage Guatemalas in den letzten Jahren. Vor allem die ländliche Bevölkerung und die Indigenas leiden unter diesem Zustand.

Das Politische System Guatemalas

Staatsform:

Präsidialrepublik (seit 1986)
Parlament (113 Mitglieder),
Wahl alle 4 Jahre

Struktur:

22 Departamentos (entspricht Provinzen)
331 Municipios (entspricht Landkreisen)

Flagge:

Regierung, Parteien und Wahlen

Nachdem Präsident Alvaro Arzú zwar das Friedensabkommen, nicht aber seine Umsetzung gelang, wurden er und seine Regierungspartei "Partei des nationalen Fortschritts" (PAN / Partido del Avanzado Nacional) 1999 abgewählt. Für viele Guatemalteken hatte sich ihre Lebenssituation in der Amtszeit Arzús eher verschlechtert als verbessert. Kaum eine der Reformforderungen des Friedensabkommens wurden umgesetzt, die Arbeitslosigkeit war unverändert hoch und weite Teile der Politik wurden immer noch von Militär und Korruption bestimmt.

1999 wurde mit 68% der Kandidat der rechtsgerichteten Republikanischen Front Guatemala (FRG / Frente Revolucionario Guatemalteco), Alfonso Portillo, bis 2003 zum Präsidenten gewählt. Aber auch er konnte den Vertrauensverlust der Guatemalteken in die Politik nicht abwenden: Eine stetig steigende Kriminalitätsrate konnte auch vom Innenminister Barrientos , einem ehemaligen Militär, nicht gesenkt werden. Viele Straftaten scheinen politisch motiviert und es kommen immer wieder Gerüchte auf, führende Militärs seien mit dem organisierten Verbrechen verstrickt. Der Fall einer Fälschung eines bereits Mitte 2000 verabschiedeten Gesetzes durch eine Gruppe von Abgeordneten der herrschenden Partei FRG sowie mehrere Finanz- und Korruptionsskandale erschütterten die öffentliche Meinung.

Portillo, Ríos Montt und die FRG

Gründer und Chef der FRG und derzeitiger Parlamentspräsident ist Efraín Ríos Montt. Ríos Montt war von März 1982 bis August 1983 - einem der blutigsten Abschnitte des Bürgerkrieges - Diktator. Mit seiner "Politik der verbrannten Erde" wird er für zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht. Nach dem Fall Pinochet verlässt Ríos Montt vorsichtshalber nicht mehr das Land. Die Verfassung verbietet ehemaligen Putschisten das Präsidialamt, über eine Verfassungsänderung wird derzeit in Guatmela diskutiert. (Siehe unten)

Der derzeitige Präsident Alfonso Portillo gilt als Handlanger des ehemaligen Diktators. Der "Chilpancinco-Effekt" - Portillo erschoss 1982 als Student auf einem Fest in Chilpancinco in Mexico zwei Menschen - hat ihm bei seiner Wahl nicht geschadet, im Gegenteil: Er nutzte ihn für einen Werbeslogan: "Portillo - Wenn er sich selbst verteidigen kann, kann er auch Sie und Ihre Familie verteidigen".

Im letzten Jahr wurde von elf Indigenagemeinschaften erstmals eine Klage wegen Völkermord gegen Ríos Montt und weitere hohe Militärs der 18-monatigen Herrschaft Ríos Montts eingereicht. Ebenfalls wurde gegen Ríos Montt im letzten Jahr - nach Aufhebung seiner Immunität als Parlamentsmitglied - ein Strafverfahren wegen Fälschung und Verfassungsbruch eröffnet, welches aber wegen Mangel an Beweisen eingestellt werden musste.

Unsichere Zukunft

Am 9.11.2003 wird in Guatemala wieder gewählt. Wie schon bei den letzten Wahlen versucht Ríos Montt durch eine Verfassungsänderung seine Kandidatur zu ermöglichen und an die Macht zu kommen (siehe unten). Da die Oppositionsparteien zerstritten sind, werden der FRG gute Chancen zugesprochen. Eine Wiederwahl wäre allerdings ein Novum in der Geschichte Guatemalas. Eine gewachsene Parteienstruktur und -tradition gibt es nicht, jede bisherige Regierungspartei wurde bis jetzt mit sehr schwachen Ergebnissen abgewählt. Eine Kontinuität in der Parlaments- und Regierungsarbeit ist somit bisher kaum möglich gewesen.

Mangelnde Bildung heißt mangelnde Mitentscheidung

Wahlen sind in Guatemala ein großes Problem: Gerade auf dem Land können viele Guatemalteken nicht lesen und schreiben. In abgelegenen Gebieten besteht kaum eine Wahlmöglichkeit, Stimmen werden gegen ein T-Shirt, eine Baseballkappe oder ein paar Quetzales "getauscht" und viele Frauen und Kriegsflüchtlinge besitzen keinen Personalausweis und sind nicht im Wählerverzeichnis eingetragen. Die Wahlbeteiligung liegt somit jedes Mal bei ungefähr 50%.

Friedensabkommen und Indigenas

Große Bedeutung für die Bevölkerung hatte der im Friedensvertrag geforderte Bericht der "Kommission zur Aufklärung der Vergangenheit" über die Verbrechen des Bürgerkrieges, geleitet von dem Berliner Völkerrechtler Christian Tomuschat. Für die Bevölkerung Guatemalas gilt, dass die Aufklärung der blutigen Ereignisse des Bürgerkrieges eine unverzichtbare Grundlage zur Versöhnung der am Konflikt Beteiligten ist und nur so eine Vertrauensbasis innerhalb der Bevölkerung aufgebaut werden kann, die eine sichere Zukunft garantiert.

Die Reaktion der Politik auf den Bericht war allerdings sehr schwach: die bestehenden militärischen Strukturen wurden nicht reformiert, kaum ein Kriegsverbrecher wurde bis heute verurteilt.

Ergebnisse der "Kommission zur Aufklärung der Vergangenheit"
  • 42.275 Opfer erforscht
    23.671 davon wurden ermordet
    6.159 davon sind verschwunden
  • insgesamt sind ca. 200.000 Menschen verschwunden bzw. getötet worden
  • 93 % der untersuchten Menschenrechtverletzungen sind vom Saat durchgeführt worden (3% von der Guerilla)
  • 83% aller identifizierten Opfer waren Mayas
Fehlendes Verantwortungsbewusstsein

Die Verbrechen des guatemaltekischen Bürgerkrieges wurden zwar aufgedeckt, die Täter aber nicht strafrechtlich verfolgt. Denn es galt die Weisung für die Kommissionsarbeit war, keine Namen zu nennen: "Keine Individualisierung der Verantwortlichkeit". Anders war dies beim Bericht der kath. Wahrheitsorganisation REMHI, der ebenfalls die Verantwortung des Staates an Gewalt und Grausamkeit aufdeckte, allerdings Namen nannte. Dessen Vorsitzender, der Weihbischof Juan Gerardi, wurde zwei Tage nach Veröffentlichung des Berichts am 24.4.98 erschlagen.

Der Mord an Gerardi löste im Volk in Erinnerung an erlittene Verfolgung und Repressionen großes Erschrecken aus, denn er bewies das Fortbestehen militärischer und sozialer Machtstrukturen, die mit allen Mitteln zu verhindern suchten, dass sich alternative Prozesse der Gerechtigkeit und Versöhnung im Land durchsetzen. Wenige Jahre später verurteilte ein Gericht in diesem Fall drei Angehörige der Armee zu Höchststrafen. Trotz zahlreicher Angriffe, Drohungen und Einschüchterungsversuche leiteten die drei für den Fall zuständigen Richter Ermittlungen gegen eine Reihe weiterer Offiziere ein, die zur Tatzeit der für ihre Grausamkeiten berüchtigten Präsidentengarde angehörten. Immerhin ein Lichtblick.

Schleppende Umsetzung des Friedensabkommens

Die im Friedensabkommen vorgesehene Entwaffnung der Guerilla und eine drastische Reduzierung der bewaffneten Macht des Staates werden von der MINUGUA (Misión de Verificación de las Naciones Unidas en Guatemala, UN-Überwachungskommission) überwacht. Während die Entwaffnung der Ex-Aufständischen schnell voranging, wirft die Entwaffnung des Militärs, die im Gegensatz zu den Ex-Guerillas keine finanzielle Umstellungshilfe bekommen, große soziale und persönliche Probleme auf und ist bis jetzt kaum vorangeschritten.

Menschenrechte noch immer nicht garantiert

Auch der Schutz der Menschenrechte ist nur wenig fortgeschritten. So besitzen die über dreißig verschiedenen Maya-Völker kaum einen Minderheitenschutz. Nur sporadisch gibt es Projekte, die versuchen, den einzelnen Indianergemeinschaften einen Sprachenschutz, ein eigenes Erziehungssystem, kulturelle Förderung oder Ansätze einer politischen Autonomie zu ermöglichen. Aber es gibt auch Fortschritte: In den letzten Jahren wurde mit ausländischer Unterstützung ein Netz von "Prokuratoren" aufgebaut, die sich vor Ort um Menschenrechtsverletzungen kümmern.

Wirtschaft

Guatemala ist nach Haiti das ärmste Land Amerikas. Die Wirtschaft Guatemalas ist immer noch stark Abhängig von ausländischen Investitions- und Aufbauprogrammen.Der Verfall der Kaffeepreise, der Wirbelsturm Mitch 1998 und die Dürre der letzten Jahre hat die Wirtschaft Guatemalas weiter geschwächt (die Landwirtschaft ist mit einem Anteil von ca. 58 % am Export Guatemalas stärkster Wirtschaftszweig). Gerade auf dem Land herrscht noch eine starke Armut. Den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet monatlich knapp unter 100 € erhält ein Großteil der Landbevölkerung nicht. Ein Lehrer verdient in Guatemala 1.500 Quetzal, das sind ca. 210 €.Nach Aussage der Welt- und Entwicklungsbank besitzt ein Prozent der Bevölkerung fast 90% des Bodens, 20% der Bürger verfügen über 80% des Einkommens und 60% der Bevölkerung sind als "arm" eingestuft. 36% sind "extrem arm").


Währung: 1 Quetzal (Q) = 100 Centavos Kurs (Mitte 2002): 1 Q = 0,14 €
Bruttosozialprodukt (BSP): 19,2 Mrd. US$
Zuwachsrate des BIP: 3,3%
BSP/ Kopf: 1680 US$
Anteile am BIP: Landwirtschaft 23 %, Industrie 20 %, Dienstleistungen 57 %
Arbeitslosenquote: 7,5 %
Inflationsrate: 8,7 %
Auslandsschulden: 4,62 Mrd. US$
Schuldendienst (am BSP): 2,3 %
Entwicklungshilfe: 264 Mio. US$
Handelsbilanzdefizit: 1,66 Mrd. US$
Tourismuseinnahmen: 518 Mio. US$
 

Probleme

Egoismus der Macht

Die Tatenlosigkeit der letzten Regierungen lässt den Berg an Problemen immer stärker anwachsen. Die Gewaltbereitschaft und die Korruption in Justiz, Polizei und Gesellschaft bedrohen immer noch das demokratische System. Zentrale Aufgabe für die nächsten Jahre ist die Erneuerung von Gesellschaft und Wirtschaft.

Viele Menschen in Guatemala sind weder in der Lage, diese Probleme zu erkennen, noch den Missstände selbständig zu begegnen. Das nach 36 Jahren Bürgerkrieg 1996 verabschiedete Friedensabkommen wartet immer noch auf vollständige Umsetzung. Nach wie vor werden die Indigenas stark benachteiligt, während das Militär, die politische Führung und die wirtschaftliche Elite Geld und Macht auf sich vereinen.

61 Prozent der Indigenas können weder richtig lesen noch schreiben. Somit sind nur wenige in der Lage, sich über die politische Situation ihres Landes zu informieren oder gar selbst verantwortliche Positionen in der Politik zu bekleiden.

Gewalt und Selbstjustiz

Ein großes Problem ist die Gewaltbereitschaft und Selbstjustiz. Das Vertrauen in die korrupte Polizei und Justiz ist gering. Wenig Gewaltverbrechen werden noch angezeigt, Banken und Geschäftsleute vertrauen auf schwerbewaffnete private Sicherheitsfirmen. Die Justiz ist für viele Guatemalteken unnahbar und die MINUGUA stellte fest: "Je tiefer der Index an Humanentwicklung ist, d.h. je ärmer und ungebildeter die Bevölkerung ist, desto häufiger sind Fälle von Selbstjustiz." Die Entlassung vieler Soldaten, Guerillas und Polizisten führte zu großen sozialen Problemen und einem dramatischen Anstieg der Gewaltverbrechen im Land. Berichte über einen Rückhalt der organisierten Banden in Polizei, Justiz und höhere Verwaltung lassen das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat immer weiter sinken.Die Gewaltspirale - auch eine Folge des über dreißigjährigen Bürgerkrieges und der Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten- steigt weiterhin.

Bildungsmangel und Unterversorgung

Das Erziehungssystem auf dem Land ist stark unterentwickelt, viel zu viele Kinder haben nach wie vor keine Möglichkeit zur Schule zu gehen.Nur 2.1% des BIP gehen in das Gesundheitssystem. Bei einem Arzt auf 1300 Einwohner haben nur wenige Kranke eine Chance auf medizinische Versorgung. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 3,9%.

Völker, Sprachen und Kulturen

Guatemala war bis 1523 Zentrum der Maya-Hochkultur, die dann von den eindringenden Spaniern zerstört wurde. Spektakulär sind die baulichen Überreste der Mayakultur, wie die weitläufigen Tempelanlagen von Tikal im Norden Guatemalas. Noch heute sind viele Indigena in ihren alten Mayakultur stark verwurzelt.

Über dreißig Prozent der Indigena sprechen nicht die offizielle Landessprache Spanisch, sondern lediglich eine der 22 Maya-Sprachen. Politische Beteiligung und Organisation auf breiter Ebene sind für die Indigena selten möglich. Für die Indigena ist es ausserdem schwer, ihre kulturelle Identität gegenüber westlichen Einflüssen zu behaupten. Ihr enges soziales Netz ist dadurch gefährdet.

In der Zukunft müssen die Indigena die Möglichkeit erhalten, ihre eigene Kultur zu bewahren bei gleichzeitiger Integration in die guatemaltekische Gesellschaft. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und -schichten müssen den Weg zu gegenseitigem Respekt finden.

Monoökonomie und Abhängigkeit

Die Wirtschaft des Landes ist schwach und Abhängig von ausländischen Investitions- und Aufbauprogrammen. Die gerade wachsende Tourismusbranche (ca. 850.000 Gäste /Jahr) droht unter der zunehmenden Gewalt im Land wieder einzubrechen.

Auch in anderen Bereichen ist das Land nicht eigenständig: Guatemala ist abhängig von der Agrarwirtschaft. Kaffee, Baumwolle, Zucker und Bananen gehören zu den wichtigsten Exportprodukten. Viele Entwicklungsländer bauen diese Produkte in immer stärkerem Maße an. Die Folge ist ein Preisverfall am Weltmarkt, der die Einnahmen reduziert. Außerdem führen immer wieder Unwetter (Hurricanes)zu Ernteausfällen.

In Guatemala wird ein Großteil der landwirtschaftlichen Produkte auf Plantagen von Großgrundbesitzern angebaut - Relikte aus der Kolonialzeit. Die Arbeitskräfte aus der armen Unterschicht (meist Indigenas) erhalten lediglich einen Hungerlohn. Viele ziehen deshalb auf der Suche nach Arbeit in die Städte.

Guatemala muss also dringend neue Wirtschaftszweige erschließen, um den Anschluss an die weiter entwickelten Länder des Nordens herzustellen. Gerade die Entwicklung im ländlichen Raum muss gefördert werden, um Landflucht zu verhindern. Guatemala braucht mehr Eigenständigkeit und Eigeninitiative. Nur so kann sich die breite Masse der Bevölkerung aus ihrer Abhängigkeit befreien und selbst die Lebensbedingungen verbessern.

Eine Lösung

Für alle diese Probleme gibt es eine sinnvolle Lösung: Bildung. Nur gebildete, mündige Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten sind in der Lage, ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Im politischen Bereich genauso wie im wirtschaftlichen oder kulturellen.

 

Aktuelle Lage

Deutsches Ärzteblatt
17. März 2006

Guatemala: Symptom einer kranken Gesellschaft
Markus Plate

Kreditanstalt für Wiederaufbau
Mai 2005

Aktuelles zum Schulwesen in Guatemala

Regierung Guatemalas
7. April 2005

Bericht der Regierung Guatemalas an den Economic and Social Council der UN

Süddeutsche Zeitung
7. August 2003

Schatten der Vergangenheit
Guatemalas früherer Diktator Rios Montt will wieder regieren

Von Peter Burghardt

Madrid - In Guatemalas Zeitungen waren kürzlich schaurige Anzeigen zu finden. "Diesmal ja, der General tritt an!", steht triumphierend auf Annoncen, die von radikalen Freunden der rechtsgerichteten Regierungspartei Republikanisch-Guatemaltekische Front (FRG) geschaltet wurden. Sie zeigen einen alten Mann, der unter allen Umständen wieder Präsident werden will. Seriöse Medien überkommt bei dem Gedanken das Grauen, was sie ihren Lesern im redaktionellen Teil auch mitteilen. "Das ist ein Moment der Trauer für Land", schrieb die Prensa Libre. "Es bricht alles zusammen, was seit der Wiederherstellung der Verfassung in den vergangenen 18 Jahren erreicht wurde." Rios Montt und seine Helfer hätten versucht, das Rechtssystem hinterrücks zu zerstören.

Die meisten der acht Millionen Einwohner können es kaum fassen, was in dem mittelamerikanischen Kleinstaat vor sich geht. Der Oberste Gerichtshof hatte vergangene Woche mit vier zu drei Stimmen beschlossen, den früheren Diktator Efrain Rios Montt zu den Wahlen am 9. November zuzulassen, obwohl die Gesetze dagegen sprechen. Ehemaligen Putschisten ist die Kandidatur verboten, Rios Montt war 1982 durch einen Staatsstreich für 18 Monate an die Macht gelangt. 1990 und 1995 wurde seine Bewerbung abgelehnt. Diesmal folgten die Richter der Argumentation, die Verfassung von 1986 dürfe nicht rückwirkend angewandt werden.

Normalerweise müsste der 77-jährige Aspirant im Gefängnis sitzen, statt nach dem höchsten Amt im Staate zu streben. Unter seinem Regime hatten im 36 Jahre währenden Bürgerkrieg gegen die linke Guerilla die schlimmsten Massaker stattgefunden - in anderthalb Jahren wurden damals etwa 12000 Menschen umgebracht. Die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu hat Rios Montt bei Spaniens Star-Richter Baltasar Garzon wegen Völkermords angezeigt, jetzt spricht sie von "Staatsstreich" und "Mafia". Die Menschenrechtlerin Helen Mack, Schwester der 1990 ermordeten Anthropologin Myrna Mack, sagt: "Du kannst keinen demokratischen Staat haben mit einem, der sich auf Angst, Gewalt und Spionagetaktik verlassen hat."

Der Einfluss des Ex-Diktators macht Rechtssicherheit unmöglich, auch deshalb ist Guatemala zu einem der gewalttätigsten Länder der Region verkommen. Zwar gewann die Wahlen 1999 FRG-Mann Alfonso Portillo, der Vergangenheitsbewältigung versprach. Doch er steht im Schatten von Parteifreund Rios Montt, der als Parlamentspräsident Immunität genießt. Das Oberste Gericht ließ Portillo so besetzen, bis die FRG-freundlichen Richter in der Mehrheit waren. Als die Opposition eine einstweilige Verfügung gegen Rios Montts Zulassung erwirkte, ging der Mob auf die Straße, offenbar im Auftrag der Regierung. Der katholische Eiferer Rios Montt weist die Vorwürfe zurück, er schwadroniert vom Kampf der Armen gegen die Reichen und von Zuwendung für die Maya, dabei hatten die Ureinwohner unter ihm besonders zu leiden.

Möglicherweise droht nun die entscheidende Auseinandersetzung seit dem Friedensabkommen von 1996, dessen Umsetzung eine UN-Mission überwachen soll - derzeit unter Leitung des Frankfurters Tom Koenigs, der ein Ende der Straflosigkeit fordert. Eine Wahrheitskommission hat festgestellt, dass die meisten der 200000 Toten von einst auf das Konto von Armee und rechten Paramilitärs gehen. Prozesse aber sind schwierig, solange die Mörder über die Justiz wachen.



Der Spiegel 34/2003 - 18. August 2003

Wahlen im Totenhaus

Efraín Ríos Montt greift nach der Macht - er will wieder Präsident werden. Der General, verantwortlich für zahlreiche Massaker, ist Prediger einer fundamentalistischen Sekte und rechnet sich Chancen auf den Sieg aus.

Von Matthias Matussek

Wer die Wahrheit in diesem Land will, der muss graben", sagt Alvaro Luis Jacobo, der Archäologe und Forensiker. Er kommt an diesem kühlen Morgen verspätet zum Treffpunkt in einem Außenbezirk von Guatemala-Stadt und überspielt nur mühsam seine Nervosität. Grimmig überprüft er die blaue Plastikplane, die über den acht Särgen auf der Ladefläche seines Toyota- Pick-up festgezurrt ist, dann preschen wir los, die Ausfallstraße nach Norden, ins Quiché-Gebiet - wo das Massaker von Pasajoc stattfand.

Alvaros Nervosität hängt mit dem Anruf zusammen, den er an diesem Morgen erhalten hat. Der war knapp und klar: "Wir bringen dich um." Jedes der Skelette, das Alvaros Institut identifiziert, erzählt eine Geschichte von Folter und Hinrichtung. Jeder Tote belastet seinen Mörder und die Auftraggeber.

Rund 200 000 Opfer hat der 36-jährige Bürgerkrieg gekostet, und einer seiner eifrigsten Schlächter, General Efraín Ríos Montt, will nun wieder Präsident werden. Jener Ríos Montt, der nach seinem Putsch von 1982 in nur 16 Monaten Hunderte Dörfer niederbrennen ließ und Dutzende Massaker anordnete, in denen 17 000 "Subversive", meist Maya-Bauern, umgebracht wurden. Eines davon war in Pasajoc.

Efraín Ríos Montt: Trinker, Verschwörer, ein korruptes, frömmelndes Monster, neben dem der Fall Fidel Castro zur Heiligsprechung vorgelegt werden müsste. Absolvent der berüchtigten School of the Americas, in der noch alle lateinamerikanischen Knochenbrecher ihr Handwerk lernten, beteiligt bereits am CIA-Putsch 1954 gegen den linksdemokratischen Präsidenten Jacobo Arbenz.

Seine Abkehr vom Alkohol und fundamentalistische Erweckung erlebte er in der Church of California. Zurück in Guatemala, schloss er sich der Freikirche "El Verbo" ("Das Wort") an. Und dann wurde er nicht mehr müde zu verkünden, dass Gott ihm die Macht verliehen hat, zu richten über die Lebenden und die Toten. "Unsere Politik ist nicht die der verbrannten Erde", sagte er, "sondern der verbrannten Kommunisten." Besucher Reagan pries seine "große Integrität".

Nach der Unterzeichnung der Friedensabkommen 1996 ist ihm der geschmeidige Rollenwechsel in die Zivilgesellschaft gelungen, und heute kontrolliert der 77-Jährige mit seinem Frente Republicano Guatemalteco (FRG) die Mehrheit im Kongress. Seine Tochter ist dessen Vizepräsidentin, sein Sohn Finanzchef der Armee. Seine Geheimdienste arbeiten flächendeckend.

Guatemala, dieses Paradies aus blumengesäumten Kraterseen und Wäldern und imposanten Maya-Pyramiden, gehört wirtschaftlich 20 Familien und ihren Monopolen. Guatemala, das Totenhaus, ist Ríos Montts Latifundie, die neben den mittlerweile bekannten Massengräbern 3000 nicht identifizierte enthält. Es ist gefährlich, sich mit Ríos Montt anzulegen. Und er hat ein Ziel: Als Präsident wäre er gegen jede Strafverfolgung immun. Allerdings verbietet es Guatemalas Verfassung Putschisten, für das höchste Staatsamt zu kandidieren, weshalb der Oberste Gerichtshof gegen seine Einschreibung optierte.

Die Antwort kam prompt. Ríos-Montt-Vasallen karrten nach dem Urteil vor vier Wochen einige tausend Maskierte in die Innenstadt. Die machten mit Schlagstöcken in erster Linie Jagd auf Journalisten, denn die seien es, die Lügen über Ríos Montt verbreiteten. Alvaro, der mit acht identifizierten Leichen eines Militärmassakers und zwei Journalisten durchs Land fährt, hat also allen Grund zur Nervosität.

An den Straßenrändern Indiofrauen mit langen Zöpfen und bunten Röcken, die Brennholz auf dem Rücken tragen. Sie haben Gesichter aus Stein. Es gibt kein einziges lachendes Gesicht auf dem weiten Weg durch die Berge. "Die Straßen waren übersät mit ausgebrannten Autos und verkohlten Leichen", sagt der Forensiker.

Zeugenaussagen, die die katholische Kirche gesammelt hat, sind wie mittelalterliche Höllendelirien: Bäume voller Kinderleichen, gepfählte Frauen, abgeschälte Gesichter. Bischof Juan Gerardi, der den Bericht präsentiert hatte, wurde zwei Tage später von Militär-Mördern erschlagen.

Die enge Straße hinauf in die Sierra von Quiché ist flankiert von Wahlwerbung für Ríos Montts Partei. Die blauweiße Buchstabenreihe FRG ist auf Bordsteine und Felsen gepinselt, die Serpentinen hinauf, wie beschriftete Leitplanken, die zu den Stätten des Grauens führen. Die Täter kehren zurück, diesmal mit den Gimmicks des gerade erst eingeübten Demokratie-Spiels.

Beim Friedensrichter in Zacualpa sind nur zwei Angehörige der von Alvaro identifizierten Toten aus dem unzugänglichen Bergflecken Pasajoc erschienen. Ausgebreitet werden zerfallene Kleidungsstücke, bunte Schals, Gürtelschnallen. Und dann die Knochen, aus beschrifteten Tüten. Die werden in die mit weißem Tuch ausgeschlagenen Särge gebettet. Man ist auf anrührende Weise bemüht um eine letzte anthropomorphe Ordnung, oben der Schädel, in den der Unterkiefer eingepasst wird, dann Rippen und Schenkelknochen, die vagen Umrisse eines Menschen.

"Wo ist der Strick?", fragt der 66-jährige Santos Benito. Der Strick ist n icht da, doch der Strick ist ihm wichtig. Es war der Strick, den er all die Jahre vor Augen hatte. Der Strick, mit dem sein einziger Sohn Agustín, damals 19, an den Balken gebunden wurde, weil er sich geweigert hatte, sich von Ríos Montts Militärs als "Patrullero" anwerben zu lassen. Sein Tod sollte langsam kommen. Santos und die Männer aus dem Dorf wurden gezwungen, ihn und zehn weitere mit Macheten und Knüppeln totzuschlagen.

"Wenn ich mich geweigert hätte, hätten sie mich umgebracht", sagt Santos in einem gutturalen Maya-Dialekt, der sich anhört wie eine Kette dunkler Schluchzer. Sein Gesicht ist von fatalistischer Reglosigkeit, entrückt wie ein Berg. "Ich habe versucht, meine Schläge nur zu simulieren."

Wer Santos' Geschichte nicht versteht, hat den Bürgerkrieg Guatemalas nicht verstanden, der Verräter schuf und Mittäter, der Familien zerriss. Santos hat es einfach nicht geschafft, seinen Überlebenswillen zu überwinden und sich gemeinsam mit seinem Sohn zu opfern. Sein Leben danach? "Es ist kein Leben", sagt er. Ríos Montts Schergen, so klingt es, haben ihm die Seele geraubt.

Nachdem die Protokolle im Büro des Friedensrichters unterzeichnet sind, schultert Santos den Sarg und macht sich gemeinsam mit einem Freund, dessen Frau und Kind von Ríos Montts Soldaten erschossen wurden, auf zum Gemeindefriedhof von Zacualpa.

Er findet einen Bestattungsplatz im hinteren Teil bei den namenlosen Erdhügeln, unter einem breitblättrigen Higuerillo-Baum, an dessen Stamm sich eine weiße Orchidee geklammert hat. Vielleicht wird er, wie es der Brauch ist, am Totensonntag einen Drachen über dem Grab aufsteigen lassen, um der Seele seines Sohnes in den Himmel zu helfen.

Das Grausamkeitstheater des Bürgerkriegs hat die verschiedensten Themen durchgespielt: ideologische, rassistische und religiöse. Die CIA und die Militärs ermunterten die Bildung fundamentalistischer Sekten als Kampfformationen gegen den Katholizismus, der nicht nur wegen seiner Befreiungstheologen als subversiv galt, sondern wegen seiner Devotionalien und Riten als ein notorischer Indioverbündeter.

Im Innenhof der Kirche von Zacualpa gibt es eine Mönchszelle, deren Wände mit Kreuzen und Fotos katholischer Padres bestückt sind. Ríos Montts gestiefelte Bibelexperten ließen die Priester an Haken aufhängen und zu Tode foltern. Heute ist die Zelle eine Gedenkstätte. Vor einem roten Maya-Tuch, mitten unter ihnen, hängt der mitleidende Jesus in Agonie. Auch er ist verstümmelt, ein Arm ist abgeschlagen.

Guatemala, dieser vielschichtige Alptraum, liegt über drei tektonischen Platten. Jeden Tag registrieren Seismologen kleinere Beben. Der Boden, auf dem nun Wahlkampf gemacht wird, schwankt, und am Tag nach Agustíns Bestattung gibt es eine gewaltige politische Erschütterung: Das Verfassungsgericht hat den Einspruch kassiert und Ríos Montts Einschreibung als Präsidentschaftskandidat genehmigt.

"Diese Tage beweisen", sagt die Maya-Aktivistin Rigoberta Menchú hinter der doppelten Sicherheitsschleuse ihrer Stiftung in Guatemala-Stadt, "dass das Rechtssystem eine Geisel der Mafia von Ríos Montt ist." Sie hat den General wegen Völkermordes angezeigt.

Es war Rigoberta Menchús Geschichte, die die Welt auf das guatemaltekische Drama aufmerksam machte. Sie verlor ihre Eltern, viele Geschwister. 1992 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Zurzeit versucht sie, Maya-Kandidaten für die Kongresswahl zu gewinnen. Viel Erfolg hat sie nicht. Von bisher 158 offiziellen Kandidaten stellen die Mayas gerade mal 6, und das, obwohl sie die Bevölkerungsmehrheit bilden. "Bisher überwiegt die Angst."

Doch es ist nicht nur das. Die Wahrheit Guatemalas ist komplizierter als die Rigoberta Menchús, in der es nur edle linke Mayas und reaktionäre hellhäutige "Ladino"-Militärs gibt. Die Wahrheit ist, dass Ríos Montts Armee auch eine Maya-Armee war und dass er bei nicht wenigen der pragmatischen Campesinos durchaus populär ist, auch deshalb, weil er ihnen für ihre Mitwirkung als Patrulleros 5000 Quetzales (rund 580 Euro) versprach.

Ríos Montt, der Gottesmann, hat Chancen. Rund 18 000 evangelikale Kirchen gibt es mittlerweile in Guatemala, die meisten mit dem Versprechen auf sofortige Erlösung von Schulden, Eheproblemen, Drogensucht, Gesichtsakne - nur durch "El Verbo", durch das erlösende Wort allein. Jeden Tag kommen neue Kirchen hinzu, viele in Maya-Gebieten. Das bedeutet eine gewaltige Basis. Nicht zuletzt das: Ríos Montt und das Militär haben den Bürgerkrieg gewonnen, und wer paktiert nicht gern mit dem Sieger?

Geschichte ist rückwärts gewandte Projektion, und der Lichtkegel wandert und verändert alles, ständig. Und natürlich ist sie ungerecht. Bei den ersten Wahlen nach dem Friedensschluss von 1996 kam die Partei der Ex-Guerilla auf 9 von 133 Sitzen im Kongress. Ríos Montts Leute dagegen, die seinerzeit für 80 Prozent der Massaker verantwortlich waren, gewannen haushoch. Allerdings hat der siegreiche FRG unter Ríos Montts Statthalter, Präsident Alfonso Portillo, das Land in den vergangenen vier Jahren weitgehend dem organisierten Verbrechen überlassen, und der Widerstand gegen seine Regierung wächst.

"Der Bürgerkrieg geht weiter", sagt Sergio Morales, der auf internationalen Druck von der Regierung eingesetzte Ombudsmann für Menschenrechte. "Nur ist es jetzt ein Krieg aller gegen alle, unideologisch, anarchisch." Heute gebe es in Guatemala zwölf Morde täglich, mehr als während des Bürgerkrieges.

Schon um neun Uhr morgens drängen sich Familien in den Korridoren seiner Behörde. 16 000 Anzeigen bearbeiten seine Leute jährlich. Nur die wenigsten beziehen sich auf die blutige Vergangenheit, die meisten auf den täglichen Terror aus Entführungen und Erpressungen durch Polizei und Militär.

"Die Mafiosi haben den Staat völlig unterwandert", sagt Morales. Er schätzt ihre Zahl auf bis zu 20 000. Hunderte Tonnen Drogen passieren das Land auf dem Weg zu den US-Abnehmern, unter Mithilfe von Militärs. Selbst die beschlagnahmte Konterbande landet bald wieder auf dem Markt. "Heute sind die Gewinne der Mafia größer als der gesamte Staatshaushalt."

In den Umfragen zur Wahl liegt der neoliberale Ex-Bürgermeister der Hauptstadt, Oscar Berger, deutlich vor seinen linken Mitbewerbern Alvaro Colom und dem Ex-Guerillero Rodrigo Asturias, Sohn des guatemaltekischen Literaturnobelpreisträgers Miguel Angel Asturias. Doch wenn es der Kandidat Ríos Montt in eine Stichwahl schafft, ist alles möglich.

Ríos Montt selbst ist nicht zu sprechen. Dafür führt sein alter Kampfgefährte und Vizekandidat Edin Barrientos vor, mit welchen Themen der FRG Jagd auf Stimmen machen wird - und fährt mitten hinein in einen surrealen Asturias-Roman. Er empfängt uns im "Portal de los Angeles", der Engelspforte, einem Luxusrestaurant hoch über dem nächtlichen Lichtermeer der Stadt. Seine Tochter trägt ein silbernes Herz, über Barrientos gepunkteter, breiter Krawatte baumelt ein großes Kreuz. Im Revers steckt das Parteiabzeichen.

"Ich bin ein einfacher Maisbauer mit gerade mal sieben Hektar Land", sagt Barrientos treuherzig. "Deshalb verstehe ich die Campesinos und ihre Sorgen, und die verstehen mich." Das sagt er hier, wo die Elite den Schampus sprudeln lässt, und er sagt es so, als meinte er das wirklich ernst. Ein Maisbauer in der Engelspforte?

Die Drogen? Die seien doch wirklich das Problem der USA, der Abnehmer. Dann folgen, bunt durcheinander, Attacken gegen das Großkapital, Bekenntnisse zu Gott und zur Tradition der Mayas, sympathisierende Ausführungen über Kurt Waldheim, eine Art nationalsozialistische, romantische Rhetorikbrühe, die schwer erträglich ist. Aber womöglich gewinnträchtig?

Wer Guatemalas Geschichte verstehen will, muss graben.

Nachdem die Märkte für Kaffee und Zucker zusammengebrochen sind, besteht eine Hauptdevisenquelle aus Touristen, die die mächtigen Maya-Pyramiden im Dschungel von Tikal bestaunen, deren archaische Himmelstreppen noch längst nicht freigelegt sind bis zu ihren Fundamenten.

Die Mayas nennen Tikal den "Ort der Stimmen". Schaudernd lassen sich die Touristengruppen von den Blutopfern der Mayas erzählen. Und vom Ballspiel, das für die Verlierer regelmäßig mit dem Tod geendet haben soll. Nach der jüngeren Archäologie, sagt Hugo, einer der Führer. Nach den Massengräbern, die auch hier im Petén-Gebiet gefunden wurden, fragt keiner. Das Schweigen am Ort der Stimmen, die Stille im Totenhaus Guatemala - sie ist wohl der wirksamste Wahlhelfer des blutigen Predigers Ríos Montt.

Der Spiegel 34/2003 - 18. August 2003