Politik
Endlich Frieden!?
Ein historischer Tag für Guatemala: Als am 29.12.1996 das Friedensabkommen
einen Strich unter den jahrzehntelangen Bürgerkrieg setzte, waren die
Hoffnungen groß. Hoffnungen auf ein neues Guatemala mit einer für
Sicherheit, Gerechtigkeit und wirtschaftliches Wachstum arbeitenden
Demokratie.
Doch von dieser Hoffnung spürt man im heutigen Guatemala nicht mehr viel.
Die Befugnisse von Militär, Geheimdienst und Präsidialamt sind noch immer
erheblich, die der Zivilgesellschaft und insbesondere die der Indigenas sind
immer noch gering. Wirtschaftliches Missmanagement, Korruption, nicht
eingelöste Wahlversprechen und eine explosionsartige Zunahme der Gewalt,
die schleppende Aufarbeitung der Menschenrechtverletzungen und nur teilweise
erfolgte Umsetzung des Friedensabkommens von 1996 kennzeichnen die Lage
Guatemalas in den letzten Jahren. Vor allem die ländliche Bevölkerung und
die Indigenas leiden unter diesem Zustand.
Das Politische System Guatemalas
Staatsform:
|
Präsidialrepublik (seit 1986)
Parlament (113 Mitglieder),
Wahl alle 4 Jahre
|
Struktur: |
22 Departamentos (entspricht Provinzen)
331 Municipios (entspricht Landkreisen) |
Flagge:
|

|
Regierung, Parteien und Wahlen
Nachdem Präsident Alvaro Arzú zwar das Friedensabkommen, nicht aber seine
Umsetzung gelang, wurden er und seine Regierungspartei "Partei des nationalen
Fortschritts" (PAN / Partido del Avanzado Nacional) 1999 abgewählt. Für viele
Guatemalteken hatte sich ihre Lebenssituation in der Amtszeit Arzús eher
verschlechtert als verbessert. Kaum eine der Reformforderungen des
Friedensabkommens wurden umgesetzt, die Arbeitslosigkeit war unverändert
hoch und weite Teile der Politik wurden immer noch von Militär und Korruption
bestimmt.
1999 wurde mit 68% der Kandidat der rechtsgerichteten
Republikanischen Front Guatemala (FRG / Frente Revolucionario Guatemalteco),
Alfonso Portillo, bis 2003 zum Präsidenten gewählt. Aber auch er konnte den
Vertrauensverlust der Guatemalteken in die Politik nicht abwenden: Eine
stetig steigende Kriminalitätsrate konnte auch vom Innenminister Barrientos ,
einem ehemaligen Militär, nicht gesenkt werden. Viele Straftaten scheinen
politisch motiviert und es kommen immer wieder Gerüchte auf, führende Militärs
seien mit dem organisierten Verbrechen verstrickt. Der Fall einer Fälschung
eines bereits Mitte 2000 verabschiedeten Gesetzes durch eine Gruppe von
Abgeordneten der herrschenden Partei FRG sowie mehrere Finanz- und
Korruptionsskandale erschütterten die öffentliche Meinung.
Portillo, Ríos Montt und die FRG
Gründer und Chef der FRG und derzeitiger Parlamentspräsident ist Efraín Ríos
Montt. Ríos Montt war von März 1982 bis August 1983 - einem der blutigsten
Abschnitte des Bürgerkrieges - Diktator. Mit seiner "Politik der verbrannten
Erde" wird er für zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich
gemacht. Nach dem Fall Pinochet verlässt Ríos Montt vorsichtshalber nicht mehr
das Land. Die Verfassung verbietet ehemaligen Putschisten das Präsidialamt,
über eine Verfassungsänderung wird derzeit in Guatmela diskutiert. (Siehe unten)
Der derzeitige Präsident Alfonso Portillo gilt als Handlanger des ehemaligen
Diktators. Der "Chilpancinco-Effekt" - Portillo erschoss 1982 als Student
auf einem Fest in Chilpancinco in Mexico zwei Menschen - hat ihm bei seiner
Wahl nicht geschadet, im Gegenteil: Er nutzte ihn für einen Werbeslogan:
"Portillo - Wenn er sich selbst verteidigen kann, kann er auch Sie und Ihre
Familie verteidigen".
Im letzten Jahr wurde von elf Indigenagemeinschaften erstmals eine Klage
wegen Völkermord gegen Ríos Montt und weitere hohe Militärs der 18-monatigen
Herrschaft Ríos Montts eingereicht. Ebenfalls wurde gegen Ríos Montt im
letzten Jahr - nach Aufhebung seiner Immunität als Parlamentsmitglied - ein
Strafverfahren wegen Fälschung und Verfassungsbruch eröffnet, welches aber
wegen Mangel an Beweisen eingestellt werden musste.
Unsichere Zukunft
Am 9.11.2003 wird in Guatemala wieder gewählt. Wie schon bei den letzten
Wahlen versucht Ríos Montt durch eine Verfassungsänderung seine Kandidatur
zu ermöglichen und an die Macht zu kommen (siehe unten). Da die Oppositionsparteien
zerstritten sind, werden der FRG gute Chancen zugesprochen. Eine Wiederwahl wäre
allerdings ein Novum in der Geschichte Guatemalas. Eine gewachsene Parteienstruktur
und -tradition gibt es nicht, jede bisherige Regierungspartei wurde bis jetzt mit
sehr schwachen Ergebnissen abgewählt. Eine Kontinuität in der Parlaments- und
Regierungsarbeit ist somit bisher kaum möglich gewesen.
Mangelnde Bildung heißt mangelnde Mitentscheidung
Wahlen sind in Guatemala ein großes Problem: Gerade auf dem Land können
viele Guatemalteken nicht lesen und schreiben. In abgelegenen Gebieten
besteht kaum eine Wahlmöglichkeit, Stimmen werden gegen ein T-Shirt, eine
Baseballkappe oder ein paar Quetzales "getauscht" und viele Frauen und
Kriegsflüchtlinge besitzen keinen Personalausweis und sind nicht im
Wählerverzeichnis eingetragen. Die Wahlbeteiligung liegt somit jedes Mal
bei ungefähr 50%.
Friedensabkommen und Indigenas
Große Bedeutung für die Bevölkerung hatte der im Friedensvertrag geforderte
Bericht der "Kommission zur Aufklärung der Vergangenheit" über die Verbrechen
des Bürgerkrieges, geleitet von dem Berliner Völkerrechtler Christian Tomuschat.
Für die Bevölkerung Guatemalas gilt, dass die Aufklärung der blutigen Ereignisse
des Bürgerkrieges eine unverzichtbare Grundlage zur Versöhnung der am Konflikt
Beteiligten ist und nur so eine Vertrauensbasis innerhalb der Bevölkerung
aufgebaut werden kann, die eine sichere Zukunft garantiert.
Die Reaktion der Politik auf den Bericht war allerdings sehr schwach: die
bestehenden militärischen Strukturen wurden nicht reformiert, kaum ein
Kriegsverbrecher wurde bis heute verurteilt.
Ergebnisse der "Kommission zur Aufklärung der Vergangenheit"
- 42.275 Opfer erforscht
23.671 davon wurden ermordet
6.159 davon sind verschwunden
- insgesamt sind ca. 200.000 Menschen verschwunden bzw. getötet worden
- 93 % der untersuchten Menschenrechtverletzungen sind vom Saat durchgeführt
worden (3% von der Guerilla)
- 83% aller identifizierten Opfer waren Mayas
Fehlendes Verantwortungsbewusstsein
Die Verbrechen des guatemaltekischen Bürgerkrieges wurden zwar aufgedeckt,
die Täter aber nicht strafrechtlich verfolgt. Denn es galt die Weisung für
die Kommissionsarbeit war, keine Namen zu nennen: "Keine Individualisierung
der Verantwortlichkeit". Anders war dies beim Bericht der kath.
Wahrheitsorganisation REMHI, der ebenfalls die Verantwortung des
Staates an Gewalt und Grausamkeit aufdeckte, allerdings Namen nannte.
Dessen Vorsitzender, der Weihbischof Juan Gerardi, wurde zwei Tage nach
Veröffentlichung des Berichts am 24.4.98 erschlagen.
Der Mord an Gerardi löste im Volk in Erinnerung an erlittene Verfolgung
und Repressionen großes Erschrecken aus, denn er bewies das Fortbestehen
militärischer und sozialer Machtstrukturen, die mit allen Mitteln zu
verhindern suchten, dass sich alternative Prozesse der Gerechtigkeit
und Versöhnung im Land durchsetzen. Wenige Jahre später verurteilte ein
Gericht in diesem Fall drei Angehörige der Armee zu Höchststrafen. Trotz
zahlreicher Angriffe, Drohungen und Einschüchterungsversuche leiteten die
drei für den Fall zuständigen Richter Ermittlungen gegen eine Reihe
weiterer Offiziere ein, die zur Tatzeit der für ihre Grausamkeiten
berüchtigten Präsidentengarde angehörten. Immerhin ein Lichtblick.
Schleppende Umsetzung des Friedensabkommens
Die im Friedensabkommen vorgesehene Entwaffnung der Guerilla und eine
drastische Reduzierung der bewaffneten Macht des Staates werden von der
MINUGUA (Misión de Verificación de las Naciones Unidas en Guatemala,
UN-Überwachungskommission) überwacht. Während die Entwaffnung der
Ex-Aufständischen schnell voranging, wirft die Entwaffnung des Militärs,
die im Gegensatz zu den Ex-Guerillas keine finanzielle Umstellungshilfe
bekommen, große soziale und persönliche Probleme auf und ist bis jetzt
kaum vorangeschritten.
Menschenrechte noch immer nicht garantiert
Auch der Schutz der Menschenrechte ist nur wenig fortgeschritten.
So besitzen die über dreißig verschiedenen Maya-Völker kaum einen
Minderheitenschutz. Nur sporadisch gibt es Projekte, die versuchen,
den einzelnen Indianergemeinschaften einen Sprachenschutz, ein eigenes
Erziehungssystem, kulturelle Förderung oder Ansätze einer politischen
Autonomie zu ermöglichen. Aber es gibt auch Fortschritte: In den letzten
Jahren wurde mit ausländischer Unterstützung ein Netz von "Prokuratoren"
aufgebaut, die sich vor Ort um Menschenrechtsverletzungen kümmern.
Wirtschaft
Guatemala ist nach Haiti das ärmste Land Amerikas. Die Wirtschaft
Guatemalas ist immer noch stark Abhängig von ausländischen Investitions-
und Aufbauprogrammen.Der Verfall der Kaffeepreise, der Wirbelsturm Mitch
1998 und die Dürre der letzten Jahre hat die Wirtschaft Guatemalas weiter
geschwächt (die Landwirtschaft ist mit einem Anteil von ca. 58 % am
Export Guatemalas stärkster Wirtschaftszweig). Gerade auf dem Land
herrscht noch eine starke Armut. Den gesetzlichen Mindestlohn von
umgerechnet monatlich knapp unter 100 € erhält ein Großteil der
Landbevölkerung nicht. Ein Lehrer verdient in Guatemala 1.500 Quetzal,
das sind ca. 210 €.Nach Aussage der Welt- und Entwicklungsbank besitzt
ein Prozent der Bevölkerung fast 90% des Bodens, 20% der Bürger verfügen
über 80% des Einkommens und 60% der Bevölkerung sind als "arm" eingestuft.
36% sind "extrem arm").
| Währung: |
1 Quetzal (Q) = 100 Centavos Kurs (Mitte 2002): 1 Q = 0,14 € |
| Bruttosozialprodukt (BSP): |
19,2 Mrd. US$ |
| Zuwachsrate des BIP: |
3,3% |
| BSP/ Kopf: |
1680 US$ |
| Anteile am BIP: |
Landwirtschaft 23 %, Industrie 20 %, Dienstleistungen 57 % |
| Arbeitslosenquote: |
7,5 % |
| Inflationsrate: |
8,7 % |
| Auslandsschulden: |
4,62 Mrd. US$ |
| Schuldendienst (am BSP): |
2,3 % |
| Entwicklungshilfe: |
264 Mio. US$ |
| Handelsbilanzdefizit: |
1,66 Mrd. US$ |
| Tourismuseinnahmen: |
518 Mio. US$ |
|
Deutsches Ärzteblatt
17. März 2006
Guatemala: Symptom einer kranken Gesellschaft
Markus Plate
Kreditanstalt für Wiederaufbau
Mai 2005
Aktuelles zum Schulwesen in Guatemala
Regierung Guatemalas
7. April 2005
Bericht der Regierung Guatemalas an den Economic and Social Council der UN
Süddeutsche Zeitung
7. August 2003
Schatten der Vergangenheit
Guatemalas früherer Diktator Rios Montt will wieder regieren
Von Peter Burghardt
Madrid - In Guatemalas Zeitungen waren kürzlich schaurige Anzeigen zu finden.
"Diesmal ja, der General tritt an!", steht triumphierend auf Annoncen, die
von radikalen Freunden der rechtsgerichteten Regierungspartei
Republikanisch-Guatemaltekische Front (FRG) geschaltet wurden. Sie
zeigen einen alten Mann, der unter allen Umständen wieder Präsident
werden will. Seriöse Medien überkommt bei dem Gedanken das Grauen, was
sie ihren Lesern im redaktionellen Teil auch mitteilen. "Das ist ein Moment
der Trauer für Land", schrieb die Prensa Libre. "Es bricht alles zusammen,
was seit der Wiederherstellung der Verfassung in den vergangenen 18 Jahren
erreicht wurde." Rios Montt und seine Helfer hätten versucht, das Rechtssystem
hinterrücks zu zerstören.
Die meisten der acht Millionen Einwohner können es kaum fassen, was in dem
mittelamerikanischen Kleinstaat vor sich geht. Der Oberste Gerichtshof
hatte vergangene Woche mit vier zu drei Stimmen beschlossen, den früheren
Diktator Efrain Rios Montt zu den Wahlen am 9. November zuzulassen, obwohl
die Gesetze dagegen sprechen. Ehemaligen Putschisten ist die Kandidatur
verboten, Rios Montt war 1982 durch einen Staatsstreich für 18 Monate an
die Macht gelangt. 1990 und 1995 wurde seine Bewerbung abgelehnt. Diesmal
folgten die Richter der Argumentation, die Verfassung von 1986 dürfe nicht
rückwirkend angewandt werden.
Normalerweise müsste der 77-jährige Aspirant im Gefängnis sitzen, statt nach
dem höchsten Amt im Staate zu streben. Unter seinem Regime hatten im 36 Jahre
währenden Bürgerkrieg gegen die linke Guerilla die schlimmsten Massaker
stattgefunden - in anderthalb Jahren wurden damals etwa 12000 Menschen
umgebracht. Die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu hat Rios
Montt bei Spaniens Star-Richter Baltasar Garzon wegen Völkermords angezeigt,
jetzt spricht sie von "Staatsstreich" und "Mafia". Die Menschenrechtlerin
Helen Mack, Schwester der 1990 ermordeten Anthropologin Myrna Mack, sagt:
"Du kannst keinen demokratischen Staat haben mit einem, der sich auf Angst,
Gewalt und Spionagetaktik verlassen hat."
Der Einfluss des Ex-Diktators macht Rechtssicherheit unmöglich, auch
deshalb ist Guatemala zu einem der gewalttätigsten Länder der Region
verkommen. Zwar gewann die Wahlen 1999 FRG-Mann Alfonso Portillo, der
Vergangenheitsbewältigung versprach. Doch er steht im Schatten von
Parteifreund Rios Montt, der als Parlamentspräsident Immunität genießt.
Das Oberste Gericht ließ Portillo so besetzen, bis die FRG-freundlichen
Richter in der Mehrheit waren. Als die Opposition eine einstweilige
Verfügung gegen Rios Montts Zulassung erwirkte, ging der Mob auf die
Straße, offenbar im Auftrag der Regierung. Der katholische Eiferer Rios
Montt weist die Vorwürfe zurück, er schwadroniert vom Kampf der Armen
gegen die Reichen und von Zuwendung für die Maya, dabei hatten die
Ureinwohner unter ihm besonders zu leiden.
Möglicherweise droht nun die entscheidende Auseinandersetzung seit dem
Friedensabkommen von 1996, dessen Umsetzung eine UN-Mission überwachen
soll - derzeit unter Leitung des Frankfurters Tom Koenigs, der ein Ende
der Straflosigkeit fordert. Eine Wahrheitskommission hat festgestellt,
dass die meisten der 200000 Toten von einst auf das Konto von Armee und
rechten Paramilitärs gehen. Prozesse aber sind schwierig, solange die
Mörder über die Justiz wachen.
Der Spiegel 34/2003 - 18. August 2003
Wahlen im Totenhaus
Efraín Ríos Montt greift nach der Macht - er will wieder Präsident werden.
Der General, verantwortlich für zahlreiche Massaker, ist Prediger einer
fundamentalistischen Sekte und rechnet sich Chancen auf den Sieg aus.
Von Matthias Matussek
Wer die Wahrheit in diesem Land will, der muss graben", sagt Alvaro Luis
Jacobo, der Archäologe und Forensiker. Er kommt an diesem kühlen Morgen
verspätet zum Treffpunkt in einem Außenbezirk von Guatemala-Stadt und
überspielt nur mühsam seine Nervosität. Grimmig überprüft er die blaue
Plastikplane, die über den acht Särgen auf der Ladefläche seines Toyota-
Pick-up festgezurrt ist, dann preschen wir los, die Ausfallstraße nach
Norden, ins Quiché-Gebiet - wo das Massaker von Pasajoc stattfand.
Alvaros Nervosität hängt mit dem Anruf zusammen, den er an diesem Morgen
erhalten hat. Der war knapp und klar: "Wir bringen dich um." Jedes der
Skelette, das Alvaros Institut identifiziert, erzählt eine Geschichte
von Folter und Hinrichtung. Jeder Tote belastet seinen Mörder und die
Auftraggeber.
Rund 200 000 Opfer hat der 36-jährige Bürgerkrieg gekostet, und einer seiner
eifrigsten Schlächter, General Efraín Ríos Montt, will nun wieder Präsident
werden. Jener Ríos Montt, der nach seinem Putsch von 1982 in nur 16 Monaten
Hunderte Dörfer niederbrennen ließ und Dutzende Massaker anordnete, in denen
17 000 "Subversive", meist Maya-Bauern, umgebracht wurden. Eines davon war
in Pasajoc.
Efraín Ríos Montt: Trinker, Verschwörer, ein korruptes, frömmelndes Monster,
neben dem der Fall Fidel Castro zur Heiligsprechung vorgelegt werden müsste.
Absolvent der berüchtigten School of the Americas, in der noch alle
lateinamerikanischen Knochenbrecher ihr Handwerk lernten, beteiligt
bereits am CIA-Putsch 1954 gegen den linksdemokratischen Präsidenten
Jacobo Arbenz.
Seine Abkehr vom Alkohol und fundamentalistische Erweckung erlebte er in
der Church of California. Zurück in Guatemala, schloss er sich der Freikirche
"El Verbo" ("Das Wort") an. Und dann wurde er nicht mehr müde zu verkünden,
dass Gott ihm die Macht verliehen hat, zu richten über die Lebenden und die
Toten. "Unsere Politik ist nicht die der verbrannten Erde", sagte er,
"sondern der verbrannten Kommunisten." Besucher Reagan pries seine "große
Integrität".
Nach der Unterzeichnung der Friedensabkommen 1996 ist ihm der geschmeidige
Rollenwechsel in die Zivilgesellschaft gelungen, und heute kontrolliert
der 77-Jährige mit seinem Frente Republicano Guatemalteco (FRG) die
Mehrheit im Kongress. Seine Tochter ist dessen Vizepräsidentin, sein
Sohn Finanzchef der Armee. Seine Geheimdienste arbeiten flächendeckend.
Guatemala, dieses Paradies aus blumengesäumten Kraterseen und Wäldern und
imposanten Maya-Pyramiden, gehört wirtschaftlich 20 Familien und ihren
Monopolen. Guatemala, das Totenhaus, ist Ríos Montts Latifundie, die
neben den mittlerweile bekannten Massengräbern 3000 nicht identifizierte
enthält. Es ist gefährlich, sich mit Ríos Montt anzulegen. Und er hat ein
Ziel: Als Präsident wäre er gegen jede Strafverfolgung immun. Allerdings
verbietet es Guatemalas Verfassung Putschisten, für das höchste Staatsamt
zu kandidieren, weshalb der Oberste Gerichtshof gegen seine Einschreibung
optierte.
Die Antwort kam prompt. Ríos-Montt-Vasallen karrten nach dem Urteil vor
vier Wochen einige tausend Maskierte in die Innenstadt. Die machten mit
Schlagstöcken in erster Linie Jagd auf Journalisten, denn die seien es,
die Lügen über Ríos Montt verbreiteten. Alvaro, der mit acht identifizierten
Leichen eines Militärmassakers und zwei Journalisten durchs Land fährt, hat
also allen Grund zur Nervosität.
An den Straßenrändern Indiofrauen mit langen Zöpfen und bunten Röcken, die
Brennholz auf dem Rücken tragen. Sie haben Gesichter aus Stein. Es gibt
kein einziges lachendes Gesicht auf dem weiten Weg durch die Berge. "Die
Straßen waren übersät mit ausgebrannten Autos und verkohlten Leichen",
sagt der Forensiker.
Zeugenaussagen, die die katholische Kirche gesammelt hat, sind wie
mittelalterliche Höllendelirien: Bäume voller Kinderleichen, gepfählte
Frauen, abgeschälte Gesichter. Bischof Juan Gerardi, der den Bericht
präsentiert hatte, wurde zwei Tage später von Militär-Mördern erschlagen.
Die enge Straße hinauf in die Sierra von Quiché ist flankiert von Wahlwerbung
für Ríos Montts Partei. Die blauweiße Buchstabenreihe FRG ist auf Bordsteine
und Felsen gepinselt, die Serpentinen hinauf, wie beschriftete Leitplanken,
die zu den Stätten des Grauens führen. Die Täter kehren zurück, diesmal mit
den Gimmicks des gerade erst eingeübten Demokratie-Spiels.
Beim Friedensrichter in Zacualpa sind nur zwei Angehörige der von Alvaro
identifizierten Toten aus dem unzugänglichen Bergflecken Pasajoc erschienen.
Ausgebreitet werden zerfallene Kleidungsstücke, bunte Schals, Gürtelschnallen.
Und dann die Knochen, aus beschrifteten Tüten. Die werden in die mit weißem
Tuch ausgeschlagenen Särge gebettet. Man ist auf anrührende Weise bemüht um
eine letzte anthropomorphe Ordnung, oben der Schädel, in den der Unterkiefer
eingepasst wird, dann Rippen und Schenkelknochen, die vagen Umrisse eines Menschen.
"Wo ist der Strick?", fragt der 66-jährige Santos Benito. Der Strick ist n
icht da, doch der Strick ist ihm wichtig. Es war der Strick, den er all die
Jahre vor Augen hatte. Der Strick, mit dem sein einziger Sohn Agustín,
damals 19, an den Balken gebunden wurde, weil er sich geweigert hatte,
sich von Ríos Montts Militärs als "Patrullero" anwerben zu lassen.
Sein Tod sollte langsam kommen. Santos und die Männer aus dem Dorf wurden
gezwungen, ihn und zehn weitere mit Macheten und Knüppeln totzuschlagen.
"Wenn ich mich geweigert hätte, hätten sie mich umgebracht", sagt Santos
in einem gutturalen Maya-Dialekt, der sich anhört wie eine Kette dunkler
Schluchzer. Sein Gesicht ist von fatalistischer Reglosigkeit, entrückt wie
ein Berg. "Ich habe versucht, meine Schläge nur zu simulieren."
Wer Santos' Geschichte nicht versteht, hat den Bürgerkrieg Guatemalas nicht
verstanden, der Verräter schuf und Mittäter, der Familien zerriss. Santos hat
es einfach nicht geschafft, seinen Überlebenswillen zu überwinden und sich
gemeinsam mit seinem Sohn zu opfern. Sein Leben danach? "Es ist kein Leben",
sagt er. Ríos Montts Schergen, so klingt es, haben ihm die Seele geraubt.
Nachdem die Protokolle im Büro des Friedensrichters unterzeichnet sind,
schultert Santos den Sarg und macht sich gemeinsam mit einem Freund, dessen
Frau und Kind von Ríos Montts Soldaten erschossen wurden, auf zum Gemeindefriedhof
von Zacualpa.
Er findet einen Bestattungsplatz im hinteren Teil bei den namenlosen Erdhügeln,
unter einem breitblättrigen Higuerillo-Baum, an dessen Stamm sich eine
weiße Orchidee geklammert hat. Vielleicht wird er, wie es der Brauch ist,
am Totensonntag einen Drachen über dem Grab aufsteigen lassen, um der Seele
seines Sohnes in den Himmel zu helfen.
Das Grausamkeitstheater des Bürgerkriegs hat die verschiedensten Themen
durchgespielt: ideologische, rassistische und religiöse. Die CIA und die
Militärs ermunterten die Bildung fundamentalistischer Sekten als Kampfformationen
gegen den Katholizismus, der nicht nur wegen seiner Befreiungstheologen als
subversiv galt, sondern wegen seiner Devotionalien und Riten als ein
notorischer Indioverbündeter.
Im Innenhof der Kirche von Zacualpa gibt es eine Mönchszelle, deren Wände
mit Kreuzen und Fotos katholischer Padres bestückt sind. Ríos Montts
gestiefelte Bibelexperten ließen die Priester an Haken aufhängen und zu
Tode foltern. Heute ist die Zelle eine Gedenkstätte. Vor einem roten
Maya-Tuch, mitten unter ihnen, hängt der mitleidende Jesus in Agonie.
Auch er ist verstümmelt, ein Arm ist abgeschlagen.
Guatemala, dieser vielschichtige Alptraum, liegt über drei tektonischen
Platten. Jeden Tag registrieren Seismologen kleinere Beben. Der Boden, auf
dem nun Wahlkampf gemacht wird, schwankt, und am Tag nach Agustíns Bestattung
gibt es eine gewaltige politische Erschütterung: Das Verfassungsgericht hat
den Einspruch kassiert und Ríos Montts Einschreibung als Präsidentschaftskandidat
genehmigt.
"Diese Tage beweisen", sagt die Maya-Aktivistin Rigoberta Menchú hinter der
doppelten Sicherheitsschleuse ihrer Stiftung in Guatemala-Stadt, "dass das
Rechtssystem eine Geisel der Mafia von Ríos Montt ist." Sie hat den General
wegen Völkermordes angezeigt.
Es war Rigoberta Menchús Geschichte, die die Welt auf das guatemaltekische
Drama aufmerksam machte. Sie verlor ihre Eltern, viele Geschwister.
1992 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Zurzeit versucht sie, Maya-Kandidaten
für die Kongresswahl zu gewinnen. Viel Erfolg hat sie nicht. Von bisher 158
offiziellen Kandidaten stellen die Mayas gerade mal 6, und das, obwohl sie
die Bevölkerungsmehrheit bilden. "Bisher überwiegt die Angst."
Doch es ist nicht nur das. Die Wahrheit Guatemalas ist komplizierter als
die Rigoberta Menchús, in der es nur edle linke Mayas und reaktionäre
hellhäutige "Ladino"-Militärs gibt. Die Wahrheit ist, dass Ríos Montts
Armee auch eine Maya-Armee war und dass er bei nicht wenigen der
pragmatischen Campesinos durchaus populär ist, auch deshalb, weil er
ihnen für ihre Mitwirkung als Patrulleros 5000 Quetzales (rund 580 Euro)
versprach.
Ríos Montt, der Gottesmann, hat Chancen. Rund 18 000 evangelikale Kirchen
gibt es mittlerweile in Guatemala, die meisten mit dem Versprechen auf
sofortige Erlösung von Schulden, Eheproblemen, Drogensucht, Gesichtsakne -
nur durch "El Verbo", durch das erlösende Wort allein. Jeden Tag kommen neue
Kirchen hinzu, viele in Maya-Gebieten. Das bedeutet eine gewaltige Basis.
Nicht zuletzt das: Ríos Montt und das Militär haben den Bürgerkrieg gewonnen,
und wer paktiert nicht gern mit dem Sieger?
Geschichte ist rückwärts gewandte Projektion, und der Lichtkegel wandert und
verändert alles, ständig. Und natürlich ist sie ungerecht. Bei den ersten
Wahlen nach dem Friedensschluss von 1996 kam die Partei der Ex-Guerilla auf
9 von 133 Sitzen im Kongress. Ríos Montts Leute dagegen, die seinerzeit für
80 Prozent der Massaker verantwortlich waren, gewannen haushoch. Allerdings
hat der siegreiche FRG unter Ríos Montts Statthalter, Präsident Alfonso
Portillo, das Land in den vergangenen vier Jahren weitgehend dem organisierten
Verbrechen überlassen, und der Widerstand gegen seine Regierung wächst.
"Der Bürgerkrieg geht weiter", sagt Sergio Morales, der auf internationalen
Druck von der Regierung eingesetzte Ombudsmann für Menschenrechte. "Nur ist
es jetzt ein Krieg aller gegen alle, unideologisch, anarchisch." Heute gebe
es in Guatemala zwölf Morde täglich, mehr als während des Bürgerkrieges.
Schon um neun Uhr morgens drängen sich Familien in den Korridoren seiner
Behörde. 16 000 Anzeigen bearbeiten seine Leute jährlich. Nur die wenigsten
beziehen sich auf die blutige Vergangenheit, die meisten auf den täglichen
Terror aus Entführungen und Erpressungen durch Polizei und Militär.
"Die Mafiosi haben den Staat völlig unterwandert", sagt Morales. Er schätzt
ihre Zahl auf bis zu 20 000. Hunderte Tonnen Drogen passieren das Land auf
dem Weg zu den US-Abnehmern, unter Mithilfe von Militärs. Selbst die
beschlagnahmte Konterbande landet bald wieder auf dem Markt. "Heute sind
die Gewinne der Mafia größer als der gesamte Staatshaushalt."
In den Umfragen zur Wahl liegt der neoliberale Ex-Bürgermeister der
Hauptstadt, Oscar Berger, deutlich vor seinen linken Mitbewerbern Alvaro
Colom und dem Ex-Guerillero Rodrigo Asturias, Sohn des guatemaltekischen
Literaturnobelpreisträgers Miguel Angel Asturias. Doch wenn es der Kandidat
Ríos Montt in eine Stichwahl schafft, ist alles möglich.
Ríos Montt selbst ist nicht zu sprechen. Dafür führt sein alter
Kampfgefährte und Vizekandidat Edin Barrientos vor, mit welchen Themen der
FRG Jagd auf Stimmen machen wird - und fährt mitten hinein in einen surrealen
Asturias-Roman. Er empfängt uns im "Portal de los Angeles", der Engelspforte,
einem Luxusrestaurant hoch über dem nächtlichen Lichtermeer der Stadt.
Seine Tochter trägt ein silbernes Herz, über Barrientos gepunkteter, breiter
Krawatte baumelt ein großes Kreuz. Im Revers steckt das Parteiabzeichen.
"Ich bin ein einfacher Maisbauer mit gerade mal sieben Hektar Land", sagt
Barrientos treuherzig. "Deshalb verstehe ich die Campesinos und ihre Sorgen,
und die verstehen mich." Das sagt er hier, wo die Elite den Schampus sprudeln
lässt, und er sagt es so, als meinte er das wirklich ernst. Ein Maisbauer
in der Engelspforte?
Die Drogen? Die seien doch wirklich das Problem der USA, der Abnehmer.
Dann folgen, bunt durcheinander, Attacken gegen das Großkapital,
Bekenntnisse zu Gott und zur Tradition der Mayas, sympathisierende
Ausführungen über Kurt Waldheim, eine Art nationalsozialistische,
romantische Rhetorikbrühe, die schwer erträglich ist. Aber womöglich
gewinnträchtig?
Wer Guatemalas Geschichte verstehen will, muss graben.
Nachdem die Märkte für Kaffee und Zucker zusammengebrochen sind, besteht
eine Hauptdevisenquelle aus Touristen, die die mächtigen Maya-Pyramiden im
Dschungel von Tikal bestaunen, deren archaische Himmelstreppen noch längst
nicht freigelegt sind bis zu ihren Fundamenten.
Die Mayas nennen Tikal den "Ort der Stimmen". Schaudernd lassen sich die
Touristengruppen von den Blutopfern der Mayas erzählen. Und vom Ballspiel,
das für die Verlierer regelmäßig mit dem Tod geendet haben soll. Nach der
jüngeren Archäologie, sagt Hugo, einer der Führer. Nach den Massengräbern,
die auch hier im Petén-Gebiet gefunden wurden, fragt keiner. Das Schweigen
am Ort der Stimmen, die Stille im Totenhaus Guatemala - sie ist wohl der
wirksamste Wahlhelfer des blutigen Predigers Ríos Montt.
Der Spiegel 34/2003 - 18. August 2003
|